Kraft, Liebe, Besonnenheit

ANDACHT HÖREN

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der XYZ, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

(2. Timotheusbrief 1,7)

 

Der Geist der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit. Ist das der Geist, der Sie erfüllt? Wenn unser Brief Schreiber seiner Leserschaft das extra sagen muss, dann muss diese Leserschaft wohl daran erinnert werden. Ich auch. Weil nämlich noch andere Geister in mir herum spuken. Andernfalls müsste ich mich gar nicht mit diesem Satz beschäftigen und würde mich einfach an meiner Kraft, meiner Liebe und meiner Besonnenheit freuen.

Aber was ist das, was da in Ihnen oder mir noch herum spukt? In unserem Brief steht, anders als oben, nicht XYZ. Sondern was? Vielleicht wissen Sie es. Sonst können Sie mal raten. Ich kenne zwar schon die Auflösung, aber ich stelle mich unwissend und rate mal mit … XYZ, das müsste wohl das Gegenteil von „Kraft, Liebe, Besonnenheit“ sein. Also: Was ist das jeweilige Gegenteil?

  • Das Gegenteil von Kraft: Schwäche vielleicht. Oder Antriebsl osigkeit, Motivationslosigkeit, innere
    Lähmung, auch wenn mit den Muskeln alles stimmt. Ich bleibe beim Wort „ und denke
    das andere mit.
  • Das Gegenteil von Liebe: Etwa Hass? Nee. Liebe und Hass liegen zu dicht beieinander. Ob Sie lieben oder ob Sie hassen : Ihr Gegenüber ist Ihnen gerade sehr, sehr wichtig. Das eine kann leicht in das andere umschlagen. Mein Gegenteil Kandidat zur Liebe: die Gleichgültigkeit . Die meisten NS Verbrecher haben ihre Opfer nicht gehasst. Die waren ihnen schlicht egal. Die haben sie gar nicht als Menschen betrachtet.
  • Das Gegenteil von Besonnenheit: Das Wort Besonnenheit klingt für mich nach „bedacht“, „gelassen“, „achtsam“. Das Gegenteil: Ich bin den Stürmen meiner Gefühle hilflos ausgeliefert. Wie ein Schiff im Orkan . Manövrierunfähig, Seenot, Tanz auf den Wellen, kurz vor dem Untergang. Und welcher Begriff? Es geht in Richtung Impulsivität. Aber das ist mir zu schwach. Ich nehme „Kontrollverlust“. Gemeint ist: Ich verliere die Kontrolle über mich selbst.

 

Der Vers müsste dann so lauten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Schwäche, der Gleichgültigkeit und des Kontrollverlusts, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“

Aber so lautet er nicht! In Wirklichkeit stehen da nicht drei Begriffe, sondern ein einziger: der Geist der Furcht! Für unseren Brief Schreiber ist Furcht also gleichzeitig das Gegenteil von Kraft, von Liebe, von Besonnenheit. Probieren wir es aus:

  • Furcht und Kraft: Furcht kann einem Beine machen. Denken Sie an einen Angst Ha sen, wie derwegläuft. Aber Furcht kann auch schwächen, Furcht ḱ ann lähmen. Jetzt nicht der Angst Hase,sondern das Kaninchen vor der Schlange: Da schaut das Kaninchen mit großen Augen auf dietödliche Bedrohung und regt sich nicht. Vielleicht denkt es sich: „Es hat sowieso keinen Sinn zukämpfen oder zu fliehen!“ Eine Prognose, die sich selbst erfüllt. Wahrscheinlicher: Das Kaninchendenkt sich vor Schreck gar nichts, es läuft alles automatisch und unkontrolliert. Besser gesagt: Es„läuft“ eben.
  • Furcht und Liebe: Die Liebe ist abgesehen von der Selbst Liebe beim anderen. Wer liebt, kann sich selbst zurücknehmen. Wer liebt, will, dass es dem anderen gut geht. D er oder die soll das bekommen, was er oder sie braucht. Die Furcht aber ist ganz bei sich. Die Sprache verrät das: „Ich liebe Dich !“, aber: „Ich fürchte mich!“ Und wenn es gefährlich wird, setzte ich alles daran, selbst mit heiler Haut davon zu kommen. Wo die anderen bleiben, gerät in den Hintergrund. Wer dagegen sich se lbst in Gefahr bringt, um jemand anderen zu retten, gilt mit Recht als Held: Das ist alles andere als selbstverständlich. Der Regelfall bleibt: Die Liebe ist beim anderen, die Furcht bei sich selbst.
  • Furcht und Besonnenheit:Furcht und Besonnenheit: Wenn ich Wenn ich FurchtFurcht habe, mag es vihabe, mag es vielleicht noch gehen mit der Besonnenheit. elleicht noch gehen mit der Besonnenheit. Spätestens wenn die Spätestens wenn die FurchtFurcht michmich hat, ist damit Schluss. Wie bei anderen übermächtigen Gefühlen. hat, ist damit Schluss. Wie bei anderen übermächtigen Gefühlen. WenWennn die Furcht herrscht, die Furcht herrscht, bin ich bin ich nicht mehr besonnen.nicht mehr besonnen.

Es gibt Leute, die unterscheiden zwischen Furcht und Angst: Angst ist allgemein und diffus. Furcht gst ist allgemein und diffus. Furcht bezieht sich auf etwas Konkretes. „Ich habe Angst.“ bezieht sich auf etwas Konkretes. „Ich habe Angst.“ Und Und Punkt. Aber: „Ich habe Furch vor …“ Punkt. Aber: „Ich habe Furch vor …“ — Pünnktchen, Püktchen, Pünktchen,  Vor Spinnen, vor der Prüfung, vor Corona, vor Unfall, Beziehungsstress, Blamage, Krankheit, dass es kein Toilettenpapier mehr gibt, oder, oder.

Wenn dann aus Angst Furcht wird, ist das schon mal ein Gewinn: Es ist besser, wenn ich weiß, wovor ich Furcht habe. Je genauer, desto besser. Die Bestie ist damit noch nicht gezähmt oder hinter Gittern , aber ich kenne sie, kann mit ihr umgehen, ich kann flüchten, vermeiden, kämpfen. Angst dagegen ist wie beim Spaziergang im dunklen Wald: Überall kann irgendetwas lauern .

Ich stelle mir vor, der Bibel Satz ist nur an mich gerichtet. Dann hieße er: „Gott hat Dir, lieber Dirk, nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Der Schreiber weiß also um meine Furcht, sonst hätte er sich das alles sparen können. Er sagt aber auch: „Keine Ahnung, woher Deine Furcht ist , aber von Gott ist sie sicher nicht!“ Ich darf also meine Furcht nicht heilig sprechen. Ich brauche nicht zu glauben, dass Gott meine Furcht will (außer Ehrfurcht), ich brauche vor allem vor Gott selbst keine Furcht zu haben. Kein einziger (christlicher) Gr und, die Furcht
schön zu reden!

Dann: „Gott hat Dir den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben!“ Es heißt NICHT: „Ich wünsche Dir diesen Geist!“ oder „Du musst Dich bemühen , dass Du diesen Geist kriegst!“ Sondern: „Als glaubender Mensch HAST Du diesen Geist! Vielleicht ist er gut versteckt, vielleicht ziemlich leise, aber er ist da! Du HAST deswegen Kraft in Dir, Du HAST die Möglichkeit zur Liebe, Du HAST die Möglichkeit der Besonnenheit! Das alles hat Gott in Dich hinein gelegt! Denn so ist sein Geist!“
Mhm. Und wieso merke ich dann manchmal (oder immer) so gar nichts davon? Da gibt es wohl eine Reihe unterschiedlicher Antworten, die alle richtig sein können. Meine Antwort heute: Weil ich vielleicht viel zu sehr um meine Furcht kreise und um das, wovor ich mich fürchte. Und weil ich das zu DEM großen Thema meiner Gespräche oder schlimmer noch meiner geheimen Gedanken mache. Weil ich dem Kaninchen vor der Schlange sooo ähnlich bin und für nichts anderes mehr Augen und keinen Kopf und kein Herz habe. Weil ich Gott wahrscheinlich zu wenig zutraue und seinen Geist gar nicht erst hinein bitte in meine Furcht. Dabei habe ich diesen Geist doch schon!
Und darum brauche ich das wohl manchmal, dass mich wer daran erinnert: „Hey! Du hast von Gott doch nicht den Geist der Furcht bekommen! Sondern der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit!“

Gebet:

Gott, Du weißt, was manchmal in mir spukt. Manches, was mich schwächt, was mich lieblos werden lässt, was mich umtreibt oder lähmt.
Gott, gib doch, dass ich Deine Kraft wieder spüre! Gib mir neu Liebe ins Herz! Lass mich in Deiner Nähe zur Ruhe finden, zu stärkenden Gefühlen und zu klaren Gedanken! Amen.